Das Lied der deutschen Einheit

Trostloser war kaum eine Zeit in Deutschland als jene, die auf den großen, begeisterten Aufschwung der Befreiungskriege folgte. Das große, machtvolle Deutschland – was war daraus geworden? In 34 „Vaterländern“ zerrissen, ersehnte das deutsche Volk vergebens eine Einheit. Und jede Sehnsucht nach dem großen geeinten Vaterlande war ein Verbrechen in den Augen der verschiedenen „Landesväter“.

In Breslau, in einer engen, alten Backstube sitzen einige Herren zusammen. Es ist das Jahr 1841 und die Herren, die hier ihren Wein trinken, sind alles gereifte, nachdenkliche Männer. Männer, die es mit viel Arbeit im Leben zu etwas gebracht haben.

Der große Mann mit dem kantigen Gesicht und dem weißen Spitzbart, der Professor Hoffmann von Fallersleben, spricht: „Jakob Grimm, mein lieber Lehrer, der mich erst auf alle Herrlichkeiten unserer deutschen Sprache aufmerken ließ, hat mir einmal erzählt, wie bei dem alten Freiherrn vom Stein Haussuchung gemacht wurde. Sie wissen, wie der Herr Freiherr in Verdacht gekommen war, für des deutschen Volkes Einheit zu werben. Der beauftragte Beamte las sich Seite für Seite Briefe, Entwürfe und Dokumente aus längst vergangenen Zeiten durch. Als er nach einem Paket fasste und sich darin vertiefen wollte, sagte der Reichsfreiherr: „Das sind meine Denkschriften für den Wiener Kongress, als man Deutschland um die Einigung betrog.“ Dann stiegen dem Beamten Tränen in die Augen und er hat sich immer wieder entschuldigt und gesagt, dass er doch auch nur seine Pflicht tue.“

Es ist spät am Abend und die Backstube ist leer. Da setzt sich einer an das alte Spinett und spielt leise „Was ist des Deutschen Vaterland?“ August Hoffmann von Fallersleben zieht es an die Nordsee. Auf Helgoland braust die See, weht der Wind, lacht die liebe Sonne auf dem weißen Strand, dem roten Felsen, der grünen Insel mit ihren hellen Friesenhäusern. Die Insel war damals englisch – wie das benachbarte Schleswig-Holstein unter dänischer Herrschaft stand. Fern auf der See kommen und gehen die Lichter von  Schiffen, es ist die Fahrstraße nach Hamburg. Schwer atmend steht er und schaut auf die See hinaus. Und dann kommt es über ihn wie ein  Rausch, erst leise, dann immer lauter singt er vor sich hin, die Verse, die sich ihm in diesem Augenblick von selber formen:

„Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt;
Wenn es stets zum Schutz und Trutze,
Brüderlich zusammenhält…“

Das Lied lässt ihn nicht los. „Deutsche Frauen, deutsche Treue…“ Es ist viele, viele Jahre später, genau 30 Jahre. In der alten Bibliothek in Breslau sitzt ein eisgrauer Mann. Draußen ist Winter, die Flocken treiben. Er hat ein Zeitungsblatt vor sich und liest einmal über das andere den Bericht, wie König Wilhelm zu Versailles zum Deutschen Kaiser gekrönt wurde. Seine Augen bleiben auf der Zeile haften: „In allen Feldlagern um Paris wurde das Lied: Deutschland, Deutschland über alles… gesungen.“ Das ist sein Lied, das Lied der Sehnsucht von dreißig Jahren. Seine Frau legt ihm still die Hände auf den Kopf: „Bist du nun glücklich?“

„Fast, beinahe ganz glücklich…“, entgegnete er daraufhin. Der Alte steht auf und zeigt auf eine Wandkarte, deutet mit der Hand auf Österreich: „Dies sind auch alles Deutsche und sie sind noch nicht dabei! Das große Deutsche Reich – das bleibt noch die Aufgabe unserer Enkel. Aber es ist ein Schritt weiter, ein großer Schritt.“

Und er setzt sich an das Klavier und spielt die Verse des Liedes, das er vor mehr als dreißig Jahren dichtete und das zum Bekenntnis eines ganzen Volkes wurde.

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